Kapitel 5: Die Schwangerschaft meiner Mutter

Ui, es wird spannend.

So spannend nun auch wieder nicht.

Ich hab dich in der Zeit kaum gesehen, bin schon gespannt, was dir widerfahren ist.

An einen Morgen im Winter, unter dem frühem Zeichen Steinbock, meines siebten Lebensjahres wurde ich eines Morgens ins Esszimmer gerufen. Matt war auch schon da. Er trug seine Robe, mir wurde aufgetragen, mein schönstes Kleid anzuziehen. Zusammen gingen wir ins Wohnzimmer, wo wir auf unsere lächelnde Mutter trafen, die glücklich die Hände meines Onkels hielt, der so gar nicht glücklich aussah. Beide standen vor dem einzigen hellen Fenster, der Salon, in der sie eingelassen war, war somit der einzig schöne Raum in diesen Haus, es zeigte uns den Schnee, der in Garten wie eine Decke lag und glitzerte. Urian beobachtete alles aus weiter Ferne, dass merkten wir. 

„Da seid ihr ja Kinder. Ich habe gute Nachrichten für euch. Setzt euch."

Das war das erste Mal, dass meine Mutter auch mir einen richtigen Platz angeboten hat. 

„Ihr bekommt noch einen kleinen Bruder. Euer Vater hat mir vor seinem Tod einen Teil seiner Seele gelassen, weswegen ich mich jetzt selbst schwängern konnte. In mir wächst ein neuer Diener für Nightmare und Day Light."

Matt und ich sahen uns an und nur wir merkten, wie erleichtert wir waren. Endlich, nur noch neun Monate, dann lag dieser Ort endlich hinter uns. Wir freuten uns, ob es die Freude über ein kleinen Bruder war, oder Vorfreude über unsere kommende Flucht, weiß ich nicht mehr. Jetzt musste ich nur noch mit der Aurensuche zurechtkommen. Ich konnte es so halb, es war schwer sich hier zu entspannen. Ich machte in meinen Kopf auch schon Pläne, wann der beste Zeitpunkt wäre zu fliehen. Am besten direkt nach der Geburt, damit er sein Familienmahl noch nicht bekommen würde. Wäre es ein Bruder, wäre das fatal, da die Mahle der Männer auch ein Peilsänder waren, die immer wieder nachwachsen würden. Matt würde über die Schwangerschaft bei Mutter sein, ich konnte alles im Hintergrund planen. Doch dann machte meine Mutter mir einen Strich durch die Rechnung. 

„Loki, daher, dass Matt in der Ausbildung ist, bitte ich dich an meiner Seite zu bleiben."

Sagte sie ungewöhnlich sanft und fürsorglich. Mir fiel beinahe das Kinn ab. Normalerweise mied sie mich wie die Pest und war froh, wenn ich länger wegblieb. 

„Mich? Warum ich?"

Fragte ich unsicher, wohlwissend, dass ich dann nichts planen konnte und erst recht nicht Merlins Haus finden konnte. 

„Ich habe dich und dein ungewöhnliches Aussehen mittlerweile liebgewonnen. Außerdem kannst du dich so auf deine zukünftige Aufgabe als Mutter und Ehefrau vorbereiten. Dein Cousin Asmodeus verdient eine Frau, die ihm zu Füßen liegt. Deine Tante hat mir gesagt, dass er dich jetzt schon verehrt und er ist erst zehn Jahre alt"

Meine Telepathie verriet mir, sie log nicht, sie wollte wirklich Zeit mit mir verbringen. Aber warum ausgerechnet jetzt! Mein Plan ging gerade in Luft auf, trotzdem, gerade jetzt war es wichtig in der Rolle zu bleiben. 

„Na gut. Kann ich dir was zum Trinken bringen?"

„Mach uns doch einen schönen Tee und erzähl mir, was du so treibst, den lieben langen Tag."

Irgendwas war hier falsch, grundlegend falsch. Wusste sie darüber Bescheid, was wir vorhatten? Matt sah mich auch überrascht an. Ich drehte mich langsam um und holte den Tee, er tat so, als würde er in sein Zimmer verschwinden wollen, nahm aber einen Umweg über die Küche. Matt fing mich dort heimlich ab, als ich das Wasser in einer Kanne über den Ofen erhitzte. Zu der Tageszeit war noch niemand in der Küche, also konnten wir in Ruhe reden.

„Was ist hier los, Matt?"

Er zuckte mit den Achseln. 

„Ich habe Midnights Erinnerung an den Vorfall letztes Jahr gelöscht, was immer Mutter von dir will, es kann nichts damit zu tun haben."

„Aber irgendwas stimmt hier doch nicht. Kannst du herausfinden, was genau hier nicht stimmt?"

Er nickte. 

„Loki, versuch dich trotzdem auf die Flucht zu konzentrieren. Midnight beobachtet mich ständig, ich kann nichts tun!"

„Ich weiß, keine Panik, mir wird schon was einfallen. Vielleicht kann ich diesen Umstand für uns nutzen."

„Du bist schlau, schlauer als alle anderen in diesen Haus, dir wird was einfallen."

Ich murmelte ein nervöses Ja. Jetzt, da die Flucht doch so nah war bekam ich Muffensausen. Mutters Lieblings Tee war grüner Tee, ich stopfte zwei Beutel in die Kanne und trug ihn mit zwei Tassen auf einen Tablett hinaus zu ihr. Meine Hände zitterten, dabei war die Kanne und die zwei Tassen gar nicht so schwer. Irgendwas löste in mir Panik aus. Als ich das Wohnzimmer betrat wusste ich auch was… Mutters Aura war eiskalt und so schwer. Seit ich aktiv Auren suchte, um einen Teil meiner Ausbildung zu beenden, wurde mir zu Hause immer unwohler. Ich spürte den Hass und Neid besser als zuvor und dadurch, dass ich sowohl Eigenschaften der Jungen in ihrer frühmagischen Entwicklung als auch die der Mädchen zeigte, war mir noch unwohler als zuvor. Na gut, wenn man leichte Visionen, wie andere Mädchen hatte, und die verstärkte Empathie der Jungen hatte, die schon fast telepathisch war, war es klar, dass man sich unwohl fühlte. Ich setzte mich vorsichtig zu ihr und schenkte den Tee ein. Onkel Jana stand an der Glasscheibe und beobachtete mich. Bei Moon, Onkel Jana war noch unangenehmer, er hatte diese dunkle Aura. Innerlich schüttelte es mich. In was für einen Zustand ich war, wusste ich nicht, aber ich wollte hier raus. Sofort.

„Mutter, im Wald blühen wunderschöne Blumen. Ich habe gehört ihr Duft soll wunderbar sein und Kraft spenden. Soll ich dir welche holen? Sie blühen hier im Wald."

Fiel mir spontan als Ausrede ein. Die Blumen gab es zu hundert, da konnte ich schnell welche pflücken, aber mir ging es eher darum, nach Kanori zu kommen. Ich konnte jetzt nicht mehr frei agieren, jetzt musste ich Ausreden finden. 

„Dein Bruder hat recht, du bist wirklich ein gutes Mädchen. Bitte geh, komm aber zum Abend wieder."

Ich nickte und sprang auf. Bei jeder anderen Mutter hätten diese Worte in einen ein wohliges Gefühl ausgelöst, aber bei ihrer gruseligen Aura löste sie in mir nur Angst und Panik aus. 

„Ruh dich aus Mutter, und mach dir keine Sorgen, ich kenne die Wälder gut."

Verabschiedete ich mich und rannte in den Garten, über die Mauer direkt in den Wald. Ich pflückte ein paar Sonnenschnee Blumen. Sie waren trichterförmig und der Verlauf war lila, nach innen hin wurden sie blau. Sie rochen wunderbar. Ich riss schnell welche aus der Erde und legte sie neben meine Truhe, zog mich um und griff nach meiner Tasche. Danach zwängte ich mich durch mein mittlerweile sehr enges Hasenloch. Merlin empfing mich sehr besorgt, seine Aura war angenehm, ruhig, bestimmt, lieb und nett, aber auch verrückt und farbenfroh, wie ein Kaleidoskop. 

„Loki, alles okay? Ich warte seit über zwei Stunden!"

„Merlin, sie ist schwanger, es ist so weit. Ich brauche jetzt deine Hilfe."

Keuchte ich und stellte mich anständig hin. Er kam naher an mich heran, kniete sich zu mir, damit er auf Augenhöhe mit mir war und auch Ignis hoppelte zu uns. 

„Na endlich, aber hast du schon einen Plan?"

„Das ist es ja, ich bin auf deine Hilfe angewiesen, ich bin ins Auge meiner Mutter gefallen, sie hat heute mit mir reden wollen. Offiziell bin ich gerade Blumen pflücken."

„Dann solltest du mein Haus finden…"

Ich nickte. Ich hatte schon ungefähr eine Ahnung, wo es nicht sein konnte. Es war auf jeden Fall nicht hier in Elystria. Nur war ich nicht ganz sicher, wo in der Menschenwelt er war. Ich bekam meine Griffel auch an keine einzige Karte. 

„Keine Sorge, Merlin, ich hab dich fast. Ich schleiche mich heute Nacht in unsere Bibliothek und hole mir Karten von der Menschenwelt. Denn nach Esyia und auch in die Anderswelt kommst selbst du nicht."

„Du unterschätzt mich Loki."

Sagte Merlin stolz und theatralisch. 

„Nein, tust du nicht Loki, so gut, ist selbst er nicht."

Zerriss Ignis die Blase, die Merlin aufgeblasen hatte. Aber, er war nach wie vor der stärkste Magier der gesamten modernen magischen Welt. Alle Magier haben eine besondere Fähigkeit, so auch er. Merlins Fähigkeit besteht darin, dass er die Fähigkeit anderer Magier kopieren kann. Das berühmte Agilita duplica. Merlin sah Ignis empört an. 

„Ignis, nicht vor meiner Schülerin. Aber wie dem auch sei, Loki ich bereite schon mal ein paar Sachen vor. Mein Haus soll fertig sein, wenn ihr kommt. Drei Zimmer, oder?"

„Erstmal zwei, Matt und ich kümmern uns in den ersten zwei Jahren um unser Geschwisterchen."

„Du weißt, wir werden dir helfen."

Bot Ignis an. Sie konnte ja, weil sie ein Phönix war, keine Kinder mehr bekommen. Urian hatte sie vor, zu dem Zeitpunkt, vier Jahren dauerhaft in einen Phönix verwandelt. Merlin sucht heute noch nach einem anständigen Rückzauber. Ich würde ihn einmal helfen, sobald ich mit meiner Ausbildung fertig sein würde. 

„Ich werde dich dann wahrscheinlich lange nicht sehen, oder?"

Ich nickte. 

„Dann machen wir uns heute noch einen schönen Tag. Zeig mir welche Möbel du für dein Zimmer willst. Nebenbei erfühle wieder die Auren aller Leute, die uns entgegenkommen."

Ich nickte entschlossen und labberte ihn bis zu unserem längeren Abschied voll, mit allem, was mir die Auren der Leute preisgab. 

Am Abend brachte ich Mutter die Blumen, sie lächelte mich an, doch auch ihr Lächeln war kalt und machte mir Angst. Wir aßen gemeinsam mit Matt und Urian zu Abend. Ich wusste, zu der Uhrzeit war keiner mehr in der Bibliothek und ich konnte in Ruhe die Karten stehlen. Trotzdem bemühte ich mich um eine ruhige und eher müde Miene. Ich stocherte also verträumt in meinen Essen herum, gähnte ab und zu und ließ mal meine Augen etwas länger zu, Mutter sah mich an, als wäre ich ein kleiner Hundewelpe, Onkel Jana betrachtete mich eher, als wäre ich die Pest. 

„Du darfst ins Bett gehen, Loki."

Erlöste mich meine Mutter. Ich stand auf, versuchte meine Euphorie zurückzuhalten, und ging ins Bett. Naja, ich wartete, bis ich alle schlafen spürte. Danach kletterte ich aus meinen Fenster. Ich schlich um das Haus und fand ein kleines Loch in der Fassade des Hauses. Es führte direkt in die Bibliothek. Auch das hatte Vater mir hinterlassen, und auch hier war ich fast zu groß, um hindurchzupassen. Vor dem Loch standen ein paar Bücher. Es waren Romane, die wurden nur von meinen Vater zu dessen Lebzeiten beachtet. Vorsichtig und langsam holte ich eines heraus. Ich schaute durch den entstandenen Spalt. Es war stockduster, es war niemand in der Bibliothek, bestätigte mir auch die Aurensuche. Also ging ich rein, gegen die Dunkelheit konnte ich nichts tun, außer kurz warten, bis sich meine Augen daran gewöhnten und mich sehen ließen. Ich streifte durch die Bibliothek und suchte nach den Karten, als ich plötzlich die Aura von Onkel Jana wahrnahm. Sofort versteckte ich mich, indem ich auf ein Bücherregal kletterte, meine Aura losch und den Atem anhielt. 

„Wo hast du dich versteckt, Loki! Du miese kleine Ratte!"

Wie hatte er mich finden können? Ich hielt meine Aura immer versteckt, wenn ich zu Hause war. Er konnte mich gar nicht finden. Es sei denn, mich hatte jemand verraten. Matt… er hatte sich einschüchtern lassen… Ich versuchte, unbemerkt aus der Bibliothek zu flüchten, indem ich vorsichtig und leise, wie eine Katze, auf das nächste Regal sprang. Er bekam nichts mit, Merlin hatte mich schon gut trainiert, schleichen lag mir. Ich hatte ein paar kleine Steine in den Schuhen stecken, ich pulte einen heraus und warf ihn weg. Der Aufprall war leicht hörbar und er drehte sich in die Richtung. Ich sprang leise wie eine Katze vom Regal herunter, ich landete neben dem Loch aus dem ich schnell rauschlüpfen wollte, da packte er mich doch, zog mich zurück, verprügelte mich, und…

Warum hältst du inne? 

Loki? Was ist in der Nacht passiert? Ich sehe dir an, dass etwas Furchtbares passiert ist.

Ich muss wirklich alles ausführlich aufschreiben, oder?

Du kannst auch kurz einfach so sagen, was passiert ist. 

Er zog mich aus, wie er mich bemerkt hatte, weiß ich nicht, wahrscheinlich im Augenwinkel oder so. Er verprügelte mich halb bewusstlos, sonst hätte ich mich locker gegen ihn wehren können… er nahm in dieser Nacht meine Unschuld.

Oh Loki, dass tut mir so leid…

Du weißt, dass ich kein Mitleid will…

Loki, das ist wirklich nur Sorge und bedauern…

Ich saß unter der Dusche und versuchte dieses ekelhafte Gefühl abzuwaschen. Klein Loki hatte sich halb zusammengerollt und zitterte. Ich konnte das nicht mehr! Ich wollte das nicht mehr, das war das Schlimmste, was mir bis dahin angetan wurde. Wieso war ich noch hier? Wieso gehe ich nicht einfach zu Merlin und scheiß auf Matt! Er hatte mir das angetan! Er hatte mich verraten! Und warum sollte ich mich um irgendein kleinen Bruder, den ich nicht einmal kannte, kümmern! Ich stand auf meine wackligen Beine um die Dusche abzudrehen. Das war's für mich, beschloss ich in diesem Moment. An eine Karte komme ich auch in Kanori sicherlich irgendwie ran, und wenn ich ein paar Tage auf der Straße schlief, war das auch in Ordnung, dachte ich mir und trocknete mich ab. Hätte mich Vater wirklich mehr geliebt, hätte er mich allein weggeschickt, außerdem bin ich ihm nichts schuldig, er war es, der sich umgebracht hat, er hat seine Verantwortung für Matt, mich und dem Baby abgegeben, er hat seine Kinder im Stich gelassen, dachte ich mir und zog mich an. Doch dann hörte ich eine Tür aufgehen. Meine Zimmertür. 

„Loki?"

Hörte ich Matt leise fragen. Urplötzlich stand ich so da, als hätte man auf Pause gedrückt. Zu Stein erstarrt. 

„Ich habe Midnight zwei Karten abgeknüpft. Du kannst dich jetzt auf die Suche begeben. Bist du im Bad?"

Bis heute weiß ich nicht warum genau, aber ich zitterte vor Angst und brach auf dem Boden zusammen, mein Kopf war leer, wie die Wüste. Matt hörte das mein Körper auf den Boden fiel und öffnete besorgt das Bad. Er fand mich auf dem Boden kniend und würgend vor. Ich hatte verdrängt, dass ich ihm alles Mögliche an den Kopf warf, als er noch vor der Türe stand:

„Bist du zufrieden, du hast mich Verraten, du scheiß Memme!" 

Er sah mich schockiert an. Aber mir war das so egal, die Wut, die ich in dem Moment auf meinen großen Bruder empfand, war glühend heiß. 

„Loki, was meinst du?"

Fragte er verwundert und versuchte mich anzufassen. Nein, nicht nochmal, dachte ich mir. Ich schlug seine Hand fest weg und stand auf. 

„Du hast Jana vom Loch in der Bibliothek erzählt, gibt's zu!"

„Nein, du weißt, ich würde es niemals verraten! Damit würde ich alles, was wir aufgebaut haben, zerstören! Eher würde ich sterben!"

„Ach scheiß doch die Wand an! Woher sollte er sonst gewusst haben, dass ich seine Aura spüren kann und dass ich heute Nacht dort sein würde!"

Er versuchte ruhig zu bleiben, auch wenn er wieder mit den Tränen zu kämpfen hatte. Er setzte sich zu mir und ließ mich herumwettern, eine Stunde lang, damit ich mich beruhigen konnte. Als ich wieder einigermaßen klar im Kopf war fragte er mich: 

„Und jetzt, erzähle mir, was ist passiert?"

„Jana hat mich gefunden, er hat mich verprügelt und… und…"

Ich zitterte und atmete zu schnell, vorsichtig legte Matt seine Hand auf meine Schulter und ich beruhigte mich. 

„Er hat mich… beschmutzt."

Ich kann das Wort bis heute nicht aussprechen, aber das brauchte ich auch nicht. Matt verstand. Sein Gesicht verfinsterte sich. Seine Aura auch, ich spürte immense Mordlust in ihm aufkommen. Das hatte ich noch nie bei ihn gespürt. Er stand auf und verließ mein Zimmer. Kurz war es ruhig im Hause Jeevah. Im nächsten Moment hörte ich, wie meine Mutter aufschrie, sofort stürzte ich in den Flur und lief ihn hinaus, bis ich fast an ihren Zimmer stand. 

„Wage es nie wieder meine Schwester anzufassen, ich bringe dich um, wenn du es tust!"

„Sie weiß, dass die Bibliothek Sperrzone für sie ist!"

„Das ist nicht dein Haus, sondern das deines Bruders! Er hat sie immer in die Bibliothek gelassen!"

„Dein Vater ist Tod! Ich bin hier der Herr im Hause!"

„Das hättest du gern, du viertklassiger Diener Nightmares! Er hat es mir vermacht, das heißt, dass ich der Hausherr bin. Und wenn du es wagst, Loki noch einmal anzufassen, werde ich alle verbotenen Künste bei dir anwenden. Loki darf wann immer sie will in die Bibliothek, damit wir das jetzt auch offiziell beschlossen haben du Kinderschänder!"

Verkündete Matt und kam wieder zu mir. Er nahm mich hoch und drückte mich fest an sich. 

„Tut mir leid, Loki, ich konnte dich nicht beschützen."

Er trug mich wieder zurück in mein Zimmer und legte sich zu mir ins Bett, um mich zu beschützen. Es war das erste Mal, dass ich meinen Bruder so sah, so mutig, er schützte mich und ich nicht ihn. 

Wenigstens hat er dich nicht verraten. 

Ja, aber mein Leben wurde danach nicht sonderlich schöner… Matt war nicht immer bei mir, dann hat Jana die Gelegenheit genutzt, um mich zu erniedrigen. Es war entwürdigend.

Loki, darf ich dich bitte umarmen!

Ich will immer noch kein Mitleid, Merlin. 

Es ist immer noch mehr Sorge, dass sind zwei verschiedene Dinge. 

Drei Monate später fühlte ich mich endlich etwas besser. Mutter hatte mich oft auf den Schoß genommen, und auch wenn ihre Aura sich anfühlte wie ein Albtraum, es tat gut, umarmt zu werden. Meine fantasie schaffte es zumindest für einen Augenblick Ignis herbeizuzaubern. Diesen Kinderschänder verlassen, kam ihr jedoch nicht in den Sinn, warum auch, ich bin ja sowieso als Frau in dieser Familie nicht mehr wert als ein Tier, das kann man ja mit mir auch machen! Sie hatte sogar die Dreistigkeit mir zu sagen, dass wenn mein Cousin Adromedus und ich später verheiratet waren, meine Pflicht es wäre unter ihm zu liegen und das Jana mich nur darauf vorbereiten wollte, schließlich wollte er seinen Sohn eine gute Ehefrau stellen. Ich hasse diese Familie heute noch! Aus diesem Grund stand Matt immer, wenn er da war, im Hintergrund, wie ein Wachhund. An einem Nachmittag jedoch trafen wir uns am Hasenloch. Er hatte die Karten dabei. 

„Loki, ich gehe etwas weiter weg, nur du sollst wissen, wo Merlin steckt. Ich habe das Gefühl…"

„Was Matt?"

„Nichts, führ einfach die Aurensuche durch. Ich halte Wache."

„Okay."

Ich wartete, bis ich ihn nicht mehr sah und holte die Karten hervor. Ich hatte ein Armband von Merlin mitgehen lassen, das hatte ein wenig Aura an sich. Aura ist wie ein Geruch. Es hing überall, und ich war ein Suchhund, der die Spur aufnahm. Ich legte meine Hand auf das Armband und ließ meine Hand über der Karte schweben, dann schloss ich langsam die Augen. Nicht in der Anderswelt, wie erwartet, die nächste war die Menschenwelt. Da ging meine Hand runter, wie ein Greifvogel, der seine Beute geschnappt hatte. Ich öffnete meine Augen. Er lebte im Wald in der Nähe von Konihi, einer befreundeten Metropole der Menschen auf einer anderen Ebene. 

„Gefunden, Meister."

Flüsterte ich und rollte die Karten zusammen. 

„Matt! Ich hab's gefunden!"

„Sehr gut, verrate es mir aber lieber nicht, falls Midnight doch verdacht schöpft, will ich nicht riskieren etwas preiszugeben."

Ich nickte und packte die Karten in meine Truhe und sah verträumt zu meinen Hasenloch, hinter dem meine Freunde warteten, und sich vielleicht sogar große Sorgen machten, Matt lächelte und meinte:

„Ich decke dich. Geh zu deinen Freunden."

Ich umarmte ihn und dankte ihn. Auf meiner Truhe hatte er mir sogar neue Klamotten hingelegt. Ich zwängte mich durch das Portal und stand wieder in Lilia. Seit drei Monaten hatte ich diese Straßen nicht mehr gesehen. Ich ging sofort in Richtung Bibliothek. Nebenbei zupfte ich mir noch meine neuen Kanori Klamotten zurecht. Es war Winter, kurz vor dem Jahreswechsel. Die Straßen waren glatt, aber ich war so in Eile, dass ich keine Zeit hatte auszurutschen. Die Leute, die mich kannten und sahen, grüßten mich. Ich rannte und flog fast, bis ich endlich nach drei Monaten vor der Bibliothek stand. Nomans Vater saß am Eingang und kam hinter der Theke hervor und direkt auf mich zu. 

„Loki, da bist du ja, Noman, Atrien und Thalia haben dich so vermisst. Sie sitzen hinten am Tisch, wie immer, geh schnell zu ihnen."

Ich nickte und ging weiter. Ganz versteckt, in der hintersten Ecke, hörte ich wie sie diskutierten. 

„Das geht nicht, Noman, du kannst deinen verlorenen Schuh nicht mit der Aurensuche finden."

„Doch Atrien! Wenn man das Prinzip umdreht und statt der Person den Schuh sucht!"

„Thalia, sagt doch auch mal was! Deine Hausaufgaben hast du auch schon wieder nicht gemacht. Wir vermissen Loki auch, aber wir müssen weitermachen, um sie eines Tages zu befreien."

Bei Moon, die Drei waren so süß. Ich beschloss was zu sagen und diesen süßen Moment zu zerstören. 

„Ihr müsst mich nicht befreien, dass schaff ich schon selbst."

Warf ich in dem Raum.

„Na seht ihr, Loki kann auf sich selbst aufpassen!"

Erst jetzt schien Atrien zu begreifen, was Thalia und Noman schon lange begriffen hatten, und auf mich zugestürmt kamen. 

„Loki! Wo warst du?"

Fragte mich Thalia und umarmte mich. 

„Es tut mir leid, Leute, aber meine Mutter ist schwanger und deswegen haben sie meine Hilfe gebraucht…"

„Wir können dir helfen. Wenn du uns nur endlich zu dir lässt."

Ich überlegte kurz. Sollte ich ihnen die Wahrheit sagen? Mir war so, als würden sie ansonsten versuchen, mir hinterherzulaufen und das war für uns alle gefährlich. Ich musste es riskieren, um ihr Wohlergehen und um mein eigenes.

„Kann ich euch was verraten, ohne, dass ihr ausflippt?"

Sie nickten. Ich sah mich um, um zu verhindern, dass mich jemand entdeckte. Meine Nerven flatterten, als ich langsam an meinen Ärmeln griff, ihn hochzog und dann meinen Freunden das Familienmahl präsentierte. Ihre Gesichter veränderten sich. Sie wurden von froh zu erschrocken. 

„Du bist eine Jeevah?"

Flüsterte Noman überwältigt, er fiel beinahe vom Stuhl. Ich nickte nur traurig und deckte das Mahl wieder ab, bevor ein Erwachsener das sah. 

„Aber die leben so weit von hier entfernt! In der Präfektur Wahlia!"

Die Drei wollten, dass ich mich erklärte, was sie verdient haben. Also begann ich meine ganze, traurige Lebensgeschichte hochzukauen. 

„Und jetzt bin ich hier, hoffentlich verzeiht ihr mir, aber ihr kennt die Strafe für Flucht und Verrat an Nightmare."

„Der Tod. Oh, Loki, kommt bitte gleich mit mir nach Hause!"

Sagte Thalia und nahm mich in den Arm. Wieso machte ich das eigentlich noch? Ihre Arme waren so warm und ich fühlte mich geborgen in ihnen. Dann kam mir Matt und unser zukünftiger kleiner Bruder in den Sinn, also musst ich noch ein halbes Jahr Durchalten.

„Tut mir leid, Thalia, aber ich muss Matt und meinen kleinen Bruder mitnehmen."

Die Jungs lächelten stolz. 

„Unsere Loki, sie hat mehr Eier als ihr Bruder! Du packst das."

Nur Thalia sah besorgt aus. Ich nahm ihre Hand und sah sie zuversichtlich und energisch an. 

„Thalia, ich pack das! Ich hab es die letzten fast acht Jahre geschafft, da schaff ich noch ein halbes, aber du musst erstmal deine Hausaufgaben machen. Und im Übrigen, man kann eine Aurensuche so anwenden, dass es verlorene Gegenstände wiederfindet. Ich nutzte das immer, wenn wilde Tiere meine Truhe mit all meinen Sachen geplündert haben und ich meine einzigen Besitztümer wiedereinsammeln muss. Apropos, ich habe ein paar Sachen, die ich noch zu Merlin bringen muss, damit er sie für mich verwahrt. Ein paar Bücher meines Vaters. Ich weiß nicht, wann wir uns das nächste Mal sehen… Weswegen ich jetzt einfach mal, bis dann sage."

Ich stand auf und umarmte nochmal alle meine Freunde. 

„Und Thalia, mach deine Hausaufgaben!"

Ermahnte ich sie nochmals und lächelte meinen Freunden nochmal zu. Sie saßen am Tisch und lächelten zurück. Thalia hatte das schönste von ihnen. Ich winkte und ging dann wieder. 

Ich fand Merlin auf einen Ast, hoch oben in einem Baum, friedlich liegend, die Augen geschlossen, in einen Wald um Konihi herum, einen friedlichen und Magier freundlichen Ort. Es war schön hier, ich konnte verstehen, warum er sich hier niedergelassen hatte. Der Wald, die Bäume, das schöne grüne Gras, ein malerisches Gebirge, man hätte meinen können, Konihi wäre ein magischer Ort. Ich hatte Ignis auf der Schulter, die mit mir zusammen ihren Ehemann gesucht hatte. 

„Meister?"

Fragte ich, er sah sich um und entdeckte mich. 

„Oh, hey Loki."

Dann traf ihn die bittere Erkenntnis, dass ich direkt vor ihm stand, und er fiel von Baum. Ich hatte erst Ignis, die beinahe von ihrer Stange gefallen war, als sie mich an der Haustürschwelle gesehen hat, eingesammelt, sie dachte Merlin wäre Feuerholz sammeln gegangen. Tja, Merlin war halt doch faul.

„Du verdammter fauler Sack! Du liegst hier und ruhst sich aus, während ich das Haus putzte!"

Meckerte Ignis und griff ihren Mann an. 

„Loki hat dich gefunden, sie hat ihren Teil der Abmachung eingehalten."

„Das habe ich auch schon gemerkt, Schatz! Nimm deine Krallen aus meinen Gesicht!"

Sagte er und verscheuchte Ignis.

„Gut gemacht Loki, ich habe auch gute Nachrichten. Meine Wenigkeit hat ein wenig Recherche betrieben. Ich habe mittlerweile herausgefunden, warum du dich sowohl als Junge, als auch als Mädchen entwickelst, und auch warum dein Glitzer so anders ist."

Damit meinte er die magische Entwicklung bei Kindern. Mädchen entwickelten sich anders als Jungs, Mädchen konnten heilen, haben Visionen, ein inneres Auge und konnten wahnsinnig schnell laufen, während Jungs leichte Telepathie, größere Empathie und eine höhere körperliche Stärke besaßen. Ich hatte beides. Er zeigte mir sein Glitzer, es war blau, er war ein Nachtmagier, Ignis hatte rotes Glitzer, sie war eine Tagmagierin. 

„Du weißt, dass die Magieeigenschaft entscheidet sich durch den Zeitpunkt der Geburt. Ob man in den zwölf Stunden Tag oder in den zwölf Stunden nachts geboren wird. Du bist in der Dämmerung geboren worden, um genau zu sein, hast du deinen ersten Atemzug gemacht, genau in dem Zeitpunkt zwischen den beiden Zeiten, den Dämmerungspunkt. Die neutrale Zone zwischen beiden Zeiten. Deswegen bist du sehr selten. Du bist eine Dämmerungsmagierin."

Das hört sich so an, als hätte er sich das gerade ausgedacht, so sah ich ihn auch an, aber Ignis wirkte so, als würde sie ihm glauben, als wäre diese absurde Geschichte wahr. Er zog ein Buch aus seinen Mantel, in diesem magischen Stück Stoff waren gefühlt hunderttausend Dinge versteckt. 

„Das hier ist eine der wenigen Aufzeichnungen über die Dämmerungsmagier, ich habe es damals mit Urian und Mewina in Riguldos geheimen Büro gefunden. Ich gehe davon aus, dass du noch nicht gleich hier einziehen wirst?"

Ich nickte und nahm das Buch, in Gegenzug gab ich ihn meine Tasche. Sie war durch die Zeit ausgeranzt und jeder normale Magier würde sie wegschmeißen, aber Matt hatte keine Zeit mir eine zweite zu machen… und ehrlich gesagt, ich konnte mich nicht vor ihr trennen, außer jetzt, aber auch nur weil ich Merlin mehr vertraute, als allen anderen. 

„Das sind meine wichtigsten Sachen, ich vertraue sie dir an, Merlin."

Er nahm vorsichtig die Tasche an sich und sagte:

„Kein Problem, ich werde sie mit meinen Leben hüten. Das Haus ist der sicherste Ort, den es außerhalb von Elystria gibt, hier werdet ihr sicher sein."

„Danke, Merlin."

Sag mal Merlin, was ich mich nie getraut habe zu fragen, warum lebst du eigentlich nicht in Elystria?

Tja, das hat einen ganz einfachen Grund… es gibt keinen, ich forsche einfach gerne und die Menschenwelt war damals noch sehr neu und interessant. Sie hat mir gefallen und deswegen blieb ich.  

Ich kam am Abend nach Hause und legte mich direkt ins Bett. Mit dem Buch über die Dämmerungsmagier. Meine Kerze war die einzige Licht- und Wärmequelle. Das Buch war alt und roch noch nach dem alten Elystria. Bei genauere n Hinsehen bemerkte ich, dass es ein altes Tagebuch von Moon war, dass die Öffentlichkeit nie zu sehen bekommen hatte.

Wir waren vor ein paar Tagen ein wenig in der Natur. Solar meinte, ihr würde die Decke auf den Kopf fallen, also dachten wir reisen wir in die Präfektur Flixia, weit weg von Kanori. Es war schön, sie hatte Riguldo mitgenommen, ich Ambera, meine Verlobte. Riguldo wollte Solar dort einen Antrag machen, doch was uns dort erwarten sollte, darauf war ich nicht vorbereitet. Wir kamen in einen einfachen Gasthaus unter. Dort entdeckte Solar einen Jungen. Er hatte eine seltsame Form von Glitzer. Sie holte mich zum Rate zu sich. Sein Glitzer war violett. Ich setzte mich zu ihm und unterhielt mich mit ihm. Sein Name war Rulan, er war vier Jahre alt und wirkte wahnsinnig intelligent, für seine vier Jahre. Las flüssig und konnte sogar schon einige Tränke perfekt herstellen, nicht einmal ich kann Tranke so gut herstellen. Solar und ich führten ein paar Tests durch, die wir als Spiele tarnten. Er war stark, so wie die Jungen in seinen Alter, doch er war schneller als sie, so schnell wie Mädchen. Es war sehr seltsam und kostete uns unser ganzes Wochenende. Am Ende musste wir Rulan mitnehmen. 

Drei Jahre sind seit Rulans Einzug vergangen. Ambera und ich ziehen ihn auf. Wir merkten dabei, dass er sowohl die Tagform der Magie als auch die Nachtform der Magie beherrscht. Das könnte ein Problem, aber auch eine Lösung sein. Er ist jetzt schon, mit sieben, wahnsinnig stark. Er ist bei der vierten Lektion, meine Schüler bitten ihn um Nachhilfe, meine Schüler, die im Teenageralter sind! Solar fürchtet, dass wir unseren Status verlieren können, ich hingegen machen mir mehr Sorgen um ihm. Rulans Körper ist noch zu schwach dafür, alles mitmachen zu wollen, und die Unsterblichkeit! Stellt euch einen kleinen Jungen vor, der hundert, wenn gar tausend Jahre alt ist! Also haben Solar und ich entschieden, er solle erstmal eine Pause machen.

Rulan… war nicht begeistert, über Solars und meine Entscheidung. Aber er akzeptiert sie. Rulan hat, so denke ich, selbst Angst davor, die Kontrolle zu verlieren. Er setzt öfters Returium ein, ich habe ihn dabei einige Male erwischt. Er schlüpft nachts auch öfters zu mir und zu Ambera. Manchmal hat er so Angst, dass er weint. Zusätzlich habe ich die Ursache für das Rulan Phänomen gefunden. Es sind keine zwölf Stunden Tag oder Nacht. Es sind elf Stunden neunfünfzig Minuten und dreißig Sekunden. Rulan ist wahrscheinlich in diesen dreißig Sekunden geboren worden. Solar und ich hatten diese Zone übersehen, wir haben nicht dran gedacht, dass die Dämmerung auch eine Magieeigenschaft hervorbringen würde, wie ignorant von uns. Die Chance, dass ein Kind in diesen dreißig Sekunden geboren wird, ist so unmöglich, dass es realistischer wäre, dass ein Einhorn und ein Drache sich paaren können! 

Wir haben noch eine gefunden! Eine Dämmerungsmagierin! Ihr Name ist Rubia. Sie und Rulan verstanden sich auf Anhieb prächtig. Er ist wie der große Bruder für sie. Rulan ist gerade sechzehn geworden, ich hatte nie gedacht, dass er so ein guter Mentor für die vierjährige Rubia werden könnte. Ich bin sehr stolz auf ihn. Ich denke in ein paar Monaten wird Rulan schon die Unsterblichkeit erlangen können, er hat sich mittlerweile perfekt unter Kontrolle. Aber apropos Mentor, ich denke es ist nicht nötig, einen Dämmerungsmagier zu suchen, wenn man ein Dämmerungskind vor sich hat und ihm oder ihr Magie beibringen möchte. Ein Tag und Nachtmagier können genauso gut herhalten, so wie ich und Solar. 

Nightmare und Day Light versuchen Rulan und seine zwanzig Anhänger auf seine Seite zu holen, doch die Dämmerungsmagier sind zu klug und eh schon mächtig. Rulan hat mir versichert, dass er, oder seine Anhänger, nicht vorhaben, sich auf seine Seite zu schlagen. Weswegen unsere Negative versuchen ihn aus seinen Heimatort, die Präfektur Flixia, zum Kampf zu locken. Rulan ist über zweihundert Jahre alt, ich vertraue in seine Fähigkeiten. Trotzdem mache ich mir Sorgen, es wäre mir lieber, wenn sie hierher in die Hauptstadt kommen könnten…

Das war der letzte Eintrag. Ich blätterte im Buch herum, und versuchte irgendeinen Hinweis zu finden, ob Rulan und seine Anhänger noch lebten. Da war nichts. Gar nichts. Ich könnte nach Flixia reisen, aber Flixia war groß und bergig. Außerdem warum hatten wir noch nie einen Dämmerungsmagier gesehen? Waren sie doch untergetaucht? Hatte Nightmare und Day Light sie doch erwischt? Mir schwirrten so viele Fragen im Kopf herum, dass er schon wehtat. Es war kurz vor Sonnenaufgang, jetzt brauchte ich auch nicht mehr zu schlafen. Ich versteckte das Buch in einen kleinen Loch unter dem Holzboden und legte mich kurz auf den Rücken, nur um an die Decke zu schauen. Mir ging das nicht aus dem Kopf. Es wirkte so unreal, war ich wirklich eine von ihnen? Matt hatte Geschichtsunterricht bei Urian, und er war im Bett nebenan. Also schlich ich mich zu ihm. Er schlief ruhig vor sich hin, bis ich auf ihn sprang. Er schreckte hoch und sah mir direkt in die Augen. 

„Loki, was zur Hölle!"

Stöhnte er auf. 

„Sei ruhig! Ich will nicht, dass das irgendjemand in diesem Haus davon erfährt."

„Was kann so wichtig sein, dass du mich mitten in der Nacht wecken musst?"

„Sagen dir die Dämmerungsmagier was?"

Er sah mich verschlafend und überrumpelt an. 

„Nein, ich kann Midnight gerne Morgen danach fragen, aber jetzt versuche ich noch eine Stunde Schlaf zu bekommen."

„Matt bitte, dass ist wahnsinnig wichtig für mich!"

„Wieso, bist du etwa eine?"

Ich nickte. Er blinzelte mich verwirrt an. 

„Hä, was? Was ist das überhaupt? Erklär es mir bitte."

Also erzählte ich in Eiltempo alles, was in den vergangenen Stunden in mir vorgegangen ist. Matts Gesicht wurde immer wacher und wacher, bis sogar seine Augenringe weg waren. 

„Bitte, was? Es gibt eine dritte Art der Magie."

Ich nickte

„Und du gehörst dazu?"

Wieder ein Nicken. Er ließ sich mit einen Seufzer nach hinten fallen und war entweder ohnmächtig oder schlief wieder. Ich legte mich neben ihn und war auch mit den Nerven am Ende. Dieser Idiot, dachte ich mir und stand auf, um Frühstücken zu gehen. Diese ganze Leserei machte mich ganz hungrig. Doch in der Küche erwartete mich jemand. Urian.

„Guten Morgen Loki."

Ich grüßte ihn freundlich zurück.

„Guten Morgen Meister Midnight."

Ja, ich hatte meine Lektion gelernt. Ich nannte ihn nur noch im Kopf Urian. Er verließ die Küche, ich betrat sie, doch er sagte noch etwas:

„Sag mal Loki, wie geht es Merlin?"

Ich erstarrte. 

„Ausnahmsweise verrate ich dich nicht. Also raus damit, wie geht es ihm."

Ich sagte nichts, vertrauen hatte ich zu ihm nicht, aus offensichtlichen Gründen. 

„Tu nicht so. Ich spüre es, dass du deine Aura unterdrückst, damit ich seine nicht fühle, dass du bei ihm bist, ist eine Sünde bei uns. Deine dumme Familie kannst du damit täuschen, mich nicht. Er ist dein Meister, Dämmerungskind. Wie ich schon sagte, ich verrate dich nicht. Wie geht es ihm und Ignis?"

Wie scheinheilig er sich nach Ignis erkundigte machte mich so wütend. Ich ballte meine Fäuste. 

„Ihm geht es so weit gut, so wie es jemanden nun mal gehen kann, wenn die Person, die man am Meisten auf dieser Welt liebt, in eine etwas schönere Taube verwandelt wurde."

Murmelte ich. Es regte sich nichts bei ihm, als hätte er nur das gehört, was er höre wollte. 

„Gut, danke."

Er ging. Einfach so. Meine Knie waren wie Pudding, ich war mir sicher, jetzt würde ich hingerichtet werden. 

Daher, dass ich heute noch hier bin, hat er mich nicht verraten. 

Würde mich sehr interessieren, warum dieser Sohn einer… nein ich beleidige jetzt nicht wieder aus Versehen meine eigene Mutter

Du sagst das so, als wäre das schon passiert.

Leider mehr als einmal.

Oh du armer Irrer.

Am nächsten Mittag schlich ich mich wieder in unsere Bibliothek und suchte. Ich war beim Frühstück in mich gegangen, mein Vater hatte bereits geahnt, dass ich ein Dämmerungsmagier bin. Also musste es in dieser Bibliothek ein Buch über sie geben. Ich kletterte die hohen Bücherregale hoch, und fand tatsächlich ein Buch, was keinen Titel hatte, aber als ich es aufschlug stand auf der ersten Seite, Von Rulan an Ambera Jeevah. Mein Großvater hatte die erste Rebellion gegen Moon uns Solar miterlebt und war der Kopf hinter dem Jeevah Verrat. Er war auch Amberas jüngerer Bruder. Er hatte es wahrscheinlich nach ihrem Tod an sich genommen und in der Familienbibliothek verwahrt. Ich steckte es ein. Vielleicht konnte ich es irgendwie mitnehmen. Ich entdeckte noch mehr Büche ohne Titel. Sie gehörten alle Ambera. Wie konnte es sein, dass ich nicht schon früher über diesen Schatz gelaufen bin? Liebesbriefe von Moon, persönliche Briefe an ihre Familie. Ich nahm alles und verstaute es erstmal in meinen Kleiderschrank, in der Nacht wurde ich sie in die Truhe bringen. Diese Aufzeichnungen waren vielleicht noch sehr wichtig. Mehr fand ich nicht dazu, eigentlich wollte ich sofort anfangen zu lesen, aber nach einer schlaflosen Nacht, war ich nicht mehr gewillt nochmal eine Nacht aufzubleiben und wollte postwendend schlafen gehen. Also brachte ich Mutter noch einen Tee und überhörte dabei ein Interessantes Gespräch zwischen Urian und einen anderen Nightmare Anhänger, ein hohes Tier namens Starset, seinen echten Namen kenne ich nicht. Er war in einem gewissen Sinne Midnights Stellvertreter. 

„Midnight, wenn du was weißt, dann musst du es Nightmare sagen."

„Vergiss es. Das ist vielleicht die Chance, die ich brauche, um ein Dämmerungskind in die Hände zu bekommen."

„Sie ist eine Frau, Nightmare wird dem nie zustimmen. Und wenn du weißt, zu wem sie immer geht, wenn sie in den Wald geht, dann bist du als sein höchster Magier dazu verpflichtet ihn Rede und Antwort zu stehen, wann immer er will!"

„Er hat bisher nichts handfestes. Er kann mich nicht zur Antwort zwingen, ich kann ihn jederzeit überwältigen, wenn ich will."

„Braucht er auch nicht! Und du weißt, dass du das nicht kannst."

Nightmare wusste von mir. Es wäre gut, wenn ich die nächsten Monate unauffällig hierbleiben würde. Sofort ging ich weiter, zu meiner Mutter, mit dem Tablett und einer schönen Kanne Tee. Wir tranken. Mutter war ruhig und wirkte zufrieden. 

„Du wirkst heute so entspannt, ist alles okay?"

„Ja, kleine Loki. Ich freue mich auf deinen kleinen Bruder."

„Woher weißt du eigentlich, dass es ein Junge wird?"

„Eine Mutter weiß sowas. Wenn du einmal Kinder bekommst, wirst du es schon merken."

Ich war ruhig. Der Gedanke daran ekelte mich. Ich wollte keine Kinder bekommen. Das wusste ich auch schon damals. Dann setzte sich jemand zu uns. Es war Midnight. 

„Schön, dass ich euch Beide sehe. Loki ich möchte mit dir und mit deiner Mutter über etwas reden. Deine Mutter ahnt es bereits. Ich würde dich gerne Nightmare vorstellen."

Meine Mutter sah mich stolz an. Nun würden vielleicht zwei ihrer Kinder von Midnight unterrichtet werden. Mir hingegen wurde schlecht. Das Kind käme vielleicht zu spät, wenn mich Urian unterrichten würde, dann wäre ich dauerhaft unter seinen wachenden Auge. Nur sechs Monate, hatte ich zu Thalia gesagt, damit hatte ich mich wohl geirrt. Das Kind würde einen Monat nach meinen Ausbildungsbeginn auf die Welt kommen. 

Hä? Aber du bist doch pünktlich nach Entbindung bei mir gewesen?

Um Moons Willen, les doch einfach!

Ne, ich will wissen, wie es ausgeht!

Um Moons Willen dieser Mann ist so ungeduldig…